Kriegsrecht in Seattle? Plastikgeschosse können töten!

von Max Sinclair

Der gewalttätige Umgang mit einer ziemlich kleinen Anzahl von Demonstranten in Seattle machte mich nachdenklich. Ich dachte nach über Jugoslawien und den in den Augen der US-Regierung (derzeit) schlimmsten Diktator, Slobodan Milosevic.

1996 legten hunderttausende Anti-Milosevic-Demonstranten ganze Bereiche Jugoslawiens für Monate lahm mit Aktivitäten, wie sie weltweit seit 1968 bekannt sind. In den letzten paar Monaten gab es ebenfalls zahlreiche Demonstrationen in Belgrad. Bei allen diesen Demonstrationen hielten sich Polizeigewalt und Festnahmen in Grenzen. Milosevics Partei regiert in einer Koalition, die über 46% der Parlamentssitze verfügt. Die Opposition könnte die Regierung übernehmen, wenn sie eine Koalition zustandebrächte. Die massiven Demonstrationen 1996 wie die kleineren in jüngster Zeit hatten das erklärte Ziel, die Regierung zu stürzen. Und doch verhielt sich die Polizei gemäßigt, obwohl uns ständig gesagt wird, dass Milosevic ein Tyrann ist, dessen Existenz die Demokratie in Europa gefährdet.

In den USA, so wird uns ständig gesagt, haben wir die freieste, demokratischste Gesellschaft, die man sich vorstellen kann. Ich würde gerne glauben, dass das wahr ist.

Die Bilder aus Seattle sagen mir etwas jedenfalls anderes. Ein paar tausend Demonstranten krawallen und die Regierung setzt Pfeffergas und Plastikgeschosse ein? Und dann wird der Ausnahmezustand über Seattle verhängt?

Der schlimmste Schaden, über den die TV-Teams berichten konnten, sind einige Zeitungsstände, die Jugendliche umgeworfen haben und ein Briefkasten, der in ein Schaufenster geworfen wurde. O Gott, Leute! In Paris oder Berlin wäre das eine „friedliche“ Demonstration. Im “freiesten Land der Erde” wird über die Bevölkerung das Kriegsrecht verhängt.

Wenn man die Reaktionen auf die Demonstrationen in Belgrad und Seattle vergleicht, sollte man nachzudenken beginnen. Welche Regierung gewährleistet besser die freie Äußerung der Meinung? Was Seattle betrifft, die in Washington sicher nicht.

Sollte ein internationaler Fonds gegründet werden, zusammen mit NGOs, der Konfliktbewältigungstechniken ausarbeitet und eine unabhängige Demokratiebewegung in den USA ins Leben ruft?

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