Die psychologischen Projektionen der NATO

“Ich bin überzeugt, dass im Umgang des Westens mit der Kosovo-Krise versteckte oder unterdrückte Faktoren wie Massenpsychosen, tief eingewurzelte kulturelle Einstellungen und westlich expansionistische / missionarische Werte am Werk waren, und wir würden gut daran tun, diese zu diskutieren. Steckt zum Beispiel hinter dem von den USA geführten Westen eine latente, tief verankerte autoritäre Ideologie, die die Weltherrschaft anstrebt, während sie vorgibt, globale Demokratie, Partnerschaft und Multikulturalismus zu schaffen? Benützt er die Krisen anderer unter dem Vorwand, ihnen zu helfen?

Es ist faszinierend zu beobachten, wie schnell der öffentliche und politisch-diplomatische Diskurs und die Medien es geschafft haben, diese Krise, diesen entscheidenden Wendepunkt in unserer Zeit, in die Vergangenheit zu verschieben. Aber was im und dem Westen selbst während der Balkankriege und besonders während des Kosovokrieges passiert ist, sollte genauer angeschaut werden – und vielleicht wird uns nicht gefallen, was wir sehen, wenn wir das versuchen,“ sagt TFF-Direktor Jan Oberg.

Vor 30 Jahren analysierte der norwegisch-schwedische Philosoph Harald Ofstad die Ideologie des Nationalsozialismus. Er bleibt dabei, dass die Nazi-Ideologie auf den westlichen Werten aufbaut und eine extreme Version der westlichen „Weltanschauung“ ist. Ihr Hauptelement ist „unsere Verachtung der Schwäche“ und die Verherrlichung von Stärke, Macht und Heroismus. Die Starken SOLLEN über die Schwächeren herrschen. Der Gute/Stärkere hat das Recht oder die gottgewollte Macht, den Bösen/Schwächeren, der nur unsere Verachtung verdient, zu beherrschen oder zu vernichten. Der Stärkere übernimmt die Last der Zivilisation, opfert sich und handelt heroisch im Namen eines höheren Prinzips oder „Gesetzes“, des Guten. So wird er für seine Taten nicht zur Verantwortung gezogen; er handelt ja in höherem Auftrag und steht über dem Gesetz. Diejenigen, die seine Befehle ausführen, sind natürlich auch aus der Verantwortung entlassen, wie verbrecherisch sie auch immer handeln mögen – auch sie dienen dem Ziel, das Böse auszurotten und das Gute zu etablieren. Antisemitismus ist kein wesentlicher Bestandteil der Nazi-Weltanschauung, sondern ein eher schwaches pervertiertes Element in dieser.

Wir bewundern den Sieger und Willensstarken, während wir den Abweichler, den Zauderer und Verlierer verachten. Integraler Bestandteil der Naziideologie ist der VORWAND, idealistisch für hohe moralische Ziele und gegen das Böse zu kämpfen, während in Wirklichkeit die eigene verbrecherische Sache verfolgt wird. Die Welt ist schwarz-weiß. Disziplin und Gehorsam werden belohnt; zu viele Fragen zu stellen wird bestraft. Nationalismus und Symbole wie Uniformen, Medaillen und Fahnen spielen eine große Rolle. Führer und führende Nation sehen sich selbst als Ausnahmen, als von Gott auserwähltes Volk, um das Paradies auf Erden zu schaffen. Persönliche Verantwortung heißt nicht fragen was richtig und falsch ist, sondern verantwortlich sein für die Durchführung der befohlenen Mission. Sprache wird benutzt, um still zu halten, sie ist überfrachtet mit Analogien, Klischees, Euphemismen, - und Nazismus ist grundsätzlich anti-intellektuell, simplifizierend, pseudo-wissenschaftlich.

Besonders wichtig ist, dass Aggression und Idealismus ineinander verschmelzen: “Was wir tun, tun wir zum Wohle der Menschheit, beurteilt UNS nicht wie ihr SIE beurteilt, unsere Motive sind nobel, ihre schlecht“ – auf diese Weise lässt sich der Verbrecher als Held präsentieren. Konflikte beinhalten oft Elemente der Projektion. Projektion heißt, anderen die „Dunklen Seiten“ zuzuschreiben, die wir in uns selbst finden und fürchten. Könnte es sein, dass die westlichen Führer und Medien, als sie Milosevic Hitler nannten, Furcht oder die unerfreuliche Einsicht signalisierten, ihr eigenes Unterfangen könnte als „hitleristisch“ gesehen werden, d.h. dass sie wussten, dass ihre Politik zumindest einige autoritäre Züge beinhaltete? Könnte es sein, dass sie den Vergleich mit den Juden brauchten, wodurch sie allen Albanern die Rolle der unschuldigen Opfer und nicht der an einem politisch-militärischen Konflikt Beteiligten zuweisen konnten – in Präsident Clintons wiederholten Aussagen waren sie „ethnischen Säuberungen ausgesetzt, nicht wegen begangener Taten, sondern ausschließlich wegen ihrer Volkszugehörigkeit“?

Die NATO besetzte ein anderes Land, beging Aggression und verletzte internationales Recht. Sie benutzte verbotene Waffen. Sie wollte eine „böse“ Nation in die Knie zwingen. Der Westen beschuldigte Jugoslawien für Taten, die er selbst begangen hat, z.Bsp. Töten unschuldiger Zivilisten, aggressive Handlungen, Schaffung ethnisch reiner(er) Gebiete, undemokratisches Verhalten, Gebrauch von unverhältnismäßiger und überwältigender militärischer Gewalt, Verfolgung „böser“ Pläne, Unterdrückung der Medien usw.

Bereits minimale Kenntnis der Geschichte sagt uns, dass “ethnische Säuberung” nicht am Balkan erfunden wurde, sondern integraler Bestandteil westlichen Verhaltens gegenüber anderen Kulturen die ganze Geschichte hindurch ist, nicht zuletzt gegen die einheimische Bevölkerung der Indianer in den USA. Ist es nicht auch klar, dass zum Beispiel die USA als nationalistische Akteure auftreten, die „nationale Interessen“ in der ganzen Welt haben? Wann haben Sie eine Pressekonferenz des Außenministeriums oder Präsident Clintons ohne die US-amerikanische Fahne gesehen, wie oft haben amerikanische Führer ihr eigenes Land gepriesen, Demokratie, Freiheit, Frieden, Stärke und Ehre, wie sie sie interpretieren: als hervorragendes, auserwähltes Volk? Wie sollen wir mit falschen historischen Vergleichen umgehen, die Serbien und Hitlerdeutschland auf eine Stufe stellen?

TFF-Berater Dr. Johan Galtung von TRANSCEND schrieb kürzlich über das Verhalten des Westens in Kosovo:

„Die naheliegende Parallele, die einem einfällt und die auch Solschenizyn erwähnt, ist Hitlers Ausnützung des nationalen Konflikts zwischen Sudetendeutschen und Tschechen, der Druck auf die Tschechoslowakei (mit der Unterstützung Englands). Japans Überfall auf die Mandschurei 1931 – 45 und Italiens Überfall auf Äthiopien 1935 – 41 waren ebenfalls gegen den Kellogg-Briand-Pakt (Briand bekam den Friedensnobelpreis 1926, Kellogg 1929): 62 Staaten, unter ihnen alle größeren, hatten beschlossen, Krieg als politisches Mittel abzulehnen und alle internationalen Zwistigkeiten durch friedliche Maßnahmen zu schlichten. Ausgenommen waren Verteidigungskriege oder militärische Einsätze, die durch den Völkerbund, die Monroe-Doktrin oder Beistandsverpflichtungen gedeckt waren – sehr ähnlich dem Artikel 2 (4) der UN-Charta, von Ausnahmen abgesehen.

Die drei Diktaturen stellten sich über das Gesetz und der Völkerbund, beeindruckt von ihren Visionen einer Neuen Ordnung, wischte alle seine Resolutionen auf die Seite. Ihre Propaganda war so massiv wie die NATO-Propaganda mit ihren beleidigenden ´Entschuldigungen´ für ´Kollateralschäden´, die so offensichtlich von den Führern von Anfang an beabsichtigt waren. Zu dieser Zeit gab es allerdings noch kein Internet, das hilft.

Aber die Macht war auf der Seite derer ´über dem Gesetz´, über das sie sich selbst gestellt hatten (das, was diese Diktaturen taten, bekam wahrscheinlich viel größere Unterstützung als die schwindligen Aktionen der ´Demokratien´). Die Diktaturen betrieben weiter, was sie begonnen hatten: den Zweiten Weltkrieg. Die USA mit ihren NATO-Vasallen sind wahrscheinlich versucht, das gleiche zu tun, beginnend mit Nordkorea und Kolumbien (?): die Neue Weltordnung einzuführen. Zeit, den Dritten Weltkrieg zu verhindern: Jetzt. Ort? Überall.”

“Projektion ist natürlich auch bei Serbien/Jugoslawien im Spiel,” fährt Jan Oberg fort. „Ich erinnere mich, wie 1991 Serben aus allen Bereichen dem TFF-Helferteam sagten, sie alle seien Opfer der Ustascha/ des Faschismus, unter dem sie schon immer gelitten hätten, und kämpften jetzt für das Gute – Demokratie, Frieden, Gleichberechtigung aller Volksgruppen, Minderheitenrechte und – Überleben. Sie sahen und sehen sich als Opfer einer großen imperialistischen US/Westen/EU/NATO-Verschwörung (ein ähnlich berühmter geheimer Plan wie die „Operation Hufeisen“ für den Westen). Kroaten sagten das Gleiche über serbischen Faschismus/Großserbien und den ähnlich geheimen Plan der Wissenschaftsakademie für ein Großserbien. Serben und Albaner projizierten auf die jeweils andere Seite eine Reihe von Eigenschaften, Stereotypen, Vorurteilen und dunklen Verschwörungen in der Vergangenheit. Die Mitglieder meines Teams und ich stießen auf puren Rassismus auf beiden Seiten – und Menschen, die uns von der Richtigkeit ihrer guten Sache und historischen Bestimmung (und Opfer) zu überzeugen versuchten – und uns immer wieder versicherten, dass viel schlimmeres passieren würde, wenn sie ihre Angelegenheiten nicht in die eigenen Hände nehmen oder Hilfe von außen bekommen würden.

Durch die Aggression der NATO fühlten sich die Serben in ihrer Auffassung bestätigt, es existiere ein gegen sie gerichteter Plan. Als die Serben im Frühjahr dieses Jahres Grausamkeiten begingen, halfen sie damit dem Westen – Politikern wie Medien – sehr, den Gesetze wie Menschenrechte verletzenden Einsatz übermäßiger Gewalt zu rechtfertigen. So fanden sich letztlich alle in einem Teufelskreis mit dem Ergebnis ungeheuren menschlichen Leides - „dort unten“ natürlich, nicht in der technisch übermächtigen NATO.

Nazi-Ideologie fordert den Kampf gegen jene, die gleich stark sind (oder gleich stark zu werden drohen) und ähnlich die Schwächeren unterdrücken und vernichten. Kosovo war nicht nur ein Kampf gegen das unendlich schwächere Serbien. Es ging auch um den Kampf gegen potentiell starke Akteure: a) die Demütigung Russlands mit einer weiteren Expansion der NATO; b) eine Herausforderung Chinas (wenn wir zur Bombardierung der Botschaft die Spionage´skandale`, die Verweigerung des Beitritts zur WTO, Belehrungen über Menschenrechte und Demokratie, Taiwan, Tibet, Nuklearwaffen usw. rechnen, haben wir mehr als genug Zündstoff für Konflikte); c) Unterminierung der UNO als Weltorganisation und Friedenserhalter und d) Ausrottung sozioökonomischer Systeme, die sich nicht dem Druck der ´Globalisierung´ beugen oder sich sonst weigern, nach der Pfeife der Stärkeren zu tanzen. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hat es kein System mehr zu geben, das sich der westlichen Weltordnung und globalen kapitalistischen Integration widersetzt.


Die NATO hielt in überwältigendem Ausmaß die Trümpfe: militärische Macht, Geld, unbeschränkter Zugang zur vom Westen kontrollierten globalen Medienszene und kulturelle Macht: Verkauf der Botschaften von Demokratie, Menschenrechten, humanitären Werten. Die NATO konnte überall in Jugoslawien zuschlagen, das seinerseits den Westen nicht treffen konnte und keinerlei Aggression gegen irgendeinen anderen Staat begangen hatte.

Diese angestrebte Weltherrschaft ist viel umfassender, ausgefeilter und facettenreicher als der Nationalsozialismus, aber sie wird auf eine Weise verkauft, die ihr viele westliche Bürger auf den Leim gehen oder sogar aktiv mitmachen lassen – wie viele einfache Bürger bei der messianischen Vision Hitlers von einer Welt ohne Übel und geführt von einem erleuchteten, allmächtigen, kulturell höherstehenden Deutschland.

“Projektion? Höchstwahrscheinlich ja!” sagt Oberg. „Nationen scheinen ihre eigenen dunklen Seiten zu bekämpfen, die sie auf andere projiziert haben – wer dann der böse „Andere“ wird, muss gestoppt werden. So war es zwischen den beiden Supermächten im Kalten Krieg, und findet jetzt in neuen Konfliktkonstellationen statt: Serbien/Jugoslawien wurde die Rolle der „bösen“ Sowjetunion verpasst, während die anderen Staaten und Völker die Rolle der westlich orientierten, demokratischen, moralisch ordentlichen spielen – entsprechend dem lange überholten Schema des Kalten Krieges, das bis 1991 existierte.


Ohne Projektion – und autoritäre Strukturen, Simplifizierungen usw. – wären Ereignisse wie Kosovo und NATO in Kosovo unmöglich. Der Westen ist so wütend auf Serbien, weil beide so viel gemeinsam haben – unter anderem eine wild übersteigerte Einschätzung ihrer eigenen Aufgabe und Wichtigkeit in der Welt und ihre Auffassung, auserwählte Nationen für große Projekte zu sein, seien sie regional oder global. Nur jemand, der sich nie mit dem Studium von Konflikten und Gewalt befasst hat, wird sich wundern, dass MEHR Ähnlichkeiten als Unterschiede zwischen USA/Briten/NATO auf der einen Seite und Serben und Russen auf der anderen Seite vorliegen – zutiefst westlich, wie sie alle sind, und in ständiger Furcht vor der Rache all derer, die sie verletzt haben.“

Jan Oberg fährt fort: “Einige von uns waren zu lange in Ex-Jugoslawien, um noch zu glauben, dass Demokratien grundsätzlich friedlich oder moralisch sind. Schauen Sie sich dieses Jahrhundert an und wie es endet! Wir haben mehr Bildung, mehr Information, mehr militärische Macht, mehr Gewalt – und mehr Demokratie und weniger Weisheit. Politik und Ethik, genauso wie Technologie und Kultur HABEN sich getrennt. Ich bin überzeugt, dass Kosovo nicht ein kleiner Zwischenfall in der jüngsten Geschichte war, sondern ein Wendepunkt für schlimmere Entwicklungen in der Zukunft – ein Beweis, dass wir absolut nichts aus diesem Jahrhundert gelernt haben.

Bis wir die Berechtigung von Gewalt und des Krieges selbst in Frage stellen, werden – fürchte ich – Weltordnung, Macht zivilisierter Staaten, Humanismus, Anständigkeit, Fair Play und Demokratie weiter degenerieren. NATO und KFOR sind große Schritte in die falsche Richtung und künden Unheil.

Im Sinne der Humanität im nächsten Jahrhundert ist es, uns selbst gegenüber das Versprechen abzulegen, vom 20. Jahrhundert zu lernen und diesen Wahnsinn zu beenden, diese Gewalttätigkeit zu enden, diese Arroganz und Dummheit zu beenden, der betrügerischen Art ´Friedens´erhaltung vom Typ NATO/KFOR ein Ende zu bereiten und alle unsere menschlichen und kulturellen Fähigkeiten, unsere wirtschaftlichen und technischen Mittel – kurz unsere Humanität – zu nutzen, um zu lernen, wie wir unsere Konflikte mit so wenig Gewalt wie möglich lösen können.
Wir wollen nicht feiern, ehe wir wissen, wie wir Gewalt aus unseren Gedanken, Worten und Taten ´säubern´ können - und auf diese Weise imstande sein werden, uns eine friedlichere Welt vorzustellen.“

© TFF 7. August 1999

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